88 Jahre nach dem „Anschluss“: Gedenkstunde der MedUni Wien
Heute, am 12. März, jährt sich der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich im Jahr 1938. Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich markierte für viele Menschen, die vom Nationalsozialismus als "weltanschauliche Gegner" angesehen wurden, den Beginn einer beispiellosen Verfolgung.
Der 12. März 1938 stand am Beginn einer Entwicklung, die Österreich und seine Menschen nachhaltig gezeichnet hat. Er hat die systematische Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen eingeläutet. Sie richtete sich gegen Jüdinnen und Juden, gegen politisch Andersdenkende, gegen Roma und Sinti, gegen Kärntner Sloweninnen und Slowenen, gegen Wehrdienstverweigerer, Homosexuelle, gegen Menschen, die unter dem Vorwurf der „Asozialität“ verfolgt wurden – und gegen viele andere.
Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens waren davon betroffen. Da waren die Diskriminierungen im Alltag. Da waren die Eingriffe in die persönlichsten Lebensbereiche, in Ehe und Familie. Da waren die „Arisierungen“ von Betrieben, die Vertreibungen aus Häusern und Wohnungen, die Berufsverbote. Und da war auch die Vertreibung von den Universitäten und Schulen: Berufliche Existenzen wurden vernichtet. Viele, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet.
Heute ist aber auch der Gründungstag der Universität Wien. Ein Gründungsmitglied der im März 1365 gegründeten Alma Mater Rudolphina war die medizinische Fakultät der Universität Wien. Nach dem „Anschluss“ wurden 53 Prozent des Lehrkörpers der damaligen Fakultät aus „rassischen“, aber auch aus politischen Gründen entlassen oder aus ihren Ämtern vertrieben. Für die österreichische Wissenschaft bedeutete dies einen gewaltigen „Brain Drain“, dessen Folgen weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinausgereicht haben.
Erst 1998 hat die Medizinische Fakultät ihre Mitverantwortung eingestanden und sich erinnert. In den Arkaden der Universität Wien findet sich seither eine Gedenktafel für die verfolgten Fakultätsmitglieder. Zehn Jahre später errichtete die nunmehrige MedUni Wien vor dem Rektoratsgebäude in der Spitalgasse ein von Dvora Barzilai gestaltetes Mahnmal in Erinnerung an die vertriebenen Universitätslehrer und Studenten.
Heute fand wie jedes Jahr eine Gedenkstunde an diesem „Mahnmal gegen das Vergessen“ statt. Den musikalischen und feierlichen Rahmen gestaltete Oberkantor Shmuel Barzilai, nach der Eröffnung folgten Ansprachen durch Rektor Markus Müller sowie den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch. Danach sprach die Vorständin des Nationalfonds, Hannah Lessing, über den Umgang mit den Vertriebenen nach 1945, die Kultur der Erinnerung sowie ihre Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
In ihrer Rede betonte Lessing, dass die Tragödie des 20. Jahrhunderts nicht aus dem Nichts entstanden sei. „Viele haben dazu beigetragen. Indem antisemitisches Gedankengut geduldet, angenommen oder verbreitet wurde – schon lange vor 1938. Auch indem Wissenschaft und Forschung, die doch Stimmen der Vernunft sein sollten, geschwiegen haben. Und auch durch das aktive Mitwirken von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, von Ärztinnen und Ärzten, die Rassenkunde und Eugenik propagiert oder sich an Verbrechen beteiligt haben.“
Gerade deshalb sei es bedeutsam, „wenn Institutionen wie die Medizinische Universität Wien sich heute bewusst mit ihrer Geschichte auseinandersetzen – mit den Schicksalen der Opfer, und mit dem Unrecht, das Teil unserer Geschichte ist.“