Ein Leben zwischen den Welten: Im Gedenken an Elfriede „Elfi“ Hendell (1932–2026)
Am 19. Februar 2026 ist Elfriede Hendell, geborene Stauber, im Alter von 93 Jahren in New York verstorben. Ihr Lebensweg steht exemplarisch für viele Emigrationsschicksale der nach 1938 vertriebenen österreichisch-jüdischen Bevölkerung und für eine Generationen überspannende Wiederannäherung an Österreich.
Kindheit und Flucht
Geboren am 24. November 1932 in Wien, wuchs Elfriede in einem jüdisch-orthodoxen Umfeld auf. Die Unbeschwertheit ihrer Kindheit endete jäh mit dem „Anschluss“ 1938. Als siebenjähriges Mädchen erlebte sie die traumatische Flucht nach Italien; im Zug trug sie die Verantwortung dafür, ihre erst zweijährige Schwester Marian ruhig zu halten, um die Aufmerksamkeit der Verfolger nicht auf die Familie zu lenken.
Nach Jahren der Unsicherheit im faschistischen Italien – zunächst im Internierungslager Ferramonti di Tarsia, dann versteckt an verschiedenen Orten – bot sich 1944 eine unverhoffte Gelegenheit zur Rettung: Elfriede und ihre Familie gehörten zu jenen rund 1.000 „Gästen“ von Präsident Roosevelt, die auf der USNS Henry Gibbins die Passage in die USA antraten. Die Überfahrt war gefahrvoll. Bei einem U-Boot-Alarm auf offener See wurde die elfjährige Elfi kurzzeitig von ihrer Mutter getrennt; sie weigerte sich, ohne ihre Mutter ein Rettungsboot zu besteigen.
Ankunft und „Safe Haven“
Elfi Hendell hat später von der Erleichterung beim Anblick der Lichter Manhattans erzählt, aber auch davon, dass die Ankömmlinge nicht nach New York City einreisen durften, sondern direkt nach Fort Ontario ins Flüchtlingscamp „Safe Haven“ in Oswego gebracht wurden. Für diejenigen unter den Flüchtlingen, die die Erfahrung der Konzentrationslager hinter sich hatten, löste der Anblick der Lagerzäune Angst und Verwirrung aus. Für Elfi wurde das Camp aber auch zum Ort einer schicksalhaften Begegnung: Sie traf David Hendell wieder, den sie bereits aus Rom kannte – mit 18 Jahren heiratete Elfi ihre Jugendliebe und sie zogen nach Manhattan.
Der Ehe entsprangen zwei Kinder, Elfie und David trennten sich später. Nach der Scheidung begann für Elfi ein neuer Lebensabschnitt: Als alleinerziehende Mutter schlug sie einen beeindruckenden akademischen Weg ein; sie absolvierte ein Graduate-Studium und widmete den Großteil ihres Erwachsenenlebens ihrer Tätigkeit als Psychotherapeutin.
Immer aber blieb Elfi ihrer früheren Heimat Österreich verbunden, mit Freunden aus der „alten Welt“ sprach sie fließend Deutsch und bewahrte sich sogar ihren Wiener Akzent. Obwohl die Erinnerungen an den Holocaust ihr Leben wie ein steter Schatten begleiteten und Zugfahrten bei ihr zeitlebens Panik auslösten, kehrte sie mehrmals nach Österreich zurück, um ihren Kindern ihre einstige Heimat zu zeigen.
Ein Kreis schließt sich: Avital und das Team Austria
Besonders stolz war Elfriede auf ihre Enkelin Avital Carroll, mit der sich für die Familie im 21. Jahrhundert ein Kreis geschlossen hat: Avital nahm als Nachkommin die österreichische Staatsbürgerschaft ihrer im Holocaust verfolgten Vorfahren an.
Heute vertritt Avital das Land, aus dem ihre Großmutter fliehen musste, als Spitzenathletin im Nationalteam der Buckelpistenskifahrerinnen. Dass sie 2023 in Bakuriani die ersten WM-Medaillen für Österreich in dieser Disziplin gewonnen hat, war für die Familie „ein Wunder“. Avital betont oft: „Oma ist der Grund, warum wir alle Ski fahren.“
Dialog der Generationen: „Vom Vergessen zum Erinnern“
Vor einigen Jahren hatte der Nationalfonds die Ehre, Elfriede Hendells bewegtes Leben im Rahmen einer Podiumsdiskussion in New York zu würdigen, wo ihre Tochter Deborah und ihre Enkelin Avital über die Last und die Chancen ihrer Familiengeschichte sprachen. Es wurde deutlich, dass die Geschichte Elfriede Hendells nicht mit ihrer Flucht geendet, sondern in der Rückkehr der nachfolgenden Generationen eine neue, hoffnungsvolle Ebene gefunden hat.
Unser tiefes Mitgefühl gilt ihrer Familie in New York und Israel. In der kollektiven Erinnerung Österreichs wird Elfriede Hendell stets einen ehrenden Platz haben.