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Gedenken am Ballhausplatz: „Resilienz ist die Stärke unserer Vorstellungskraft“

15.05.2026

Im feierlichen Rahmen des Kongresssaals am Ballhausplatz beging die Republik Österreich am 8. Mai 2026 den 81. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Die Österreichische Fahne an der Fassade des Österreichischen Bundeskanzleramts am Ballhausplatz in Wien.
BKA/Andy Wenzel

Unter der Moderation von Hannah Lessing, die gemeinsam mit der ebenfalls anwesenden Judith Pfeffer den Vorstand des Nationalfonds bildet, versammelten sich Vertreter:innen der Staatsspitze und internationale Gäste – darunter auch die Zeitzeugin Hedy Argent, die erst vor wenigen Tagen die bewegende Rede beim Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Parlament gehalten hatte –, um ein gemeinsames Zeichen gegen das Vergessen und für die Verteidigung demokratischer Werte zu setzen.

Ein „teuer erkaufter Friede“

In ihren einleitenden Worten zitierte Hannah Lessing die Schlagzeilen der ersten österreichischen Tageszeitung, des Neuen Österreich vom 8. Mai 1945: „Der Krieg ist zu Ende! Das Recht hat gesiegt“. Sie verdeutlichte die existenzielle Bedeutung jenes historischen Augenblicks, der für viele eine Befreiung war, aber auch den Beginn einer „schwierigen Neuorientierung“ in einem „Land im Ausnahmezustand“ markierte. Lessing erinnerte an die Opfer des NS-Regimes und die „Ambivalenz der Rückkehr“. Mit einem Zitat von Ruth Klüger unterstrich sie: „Heimkehr ist kein einfacher Begriff. Für viele gab es kein Zuhause mehr.“ Dennoch habe inmitten dieser Unsicherheit der Aufbau der demokratischen Republik begonnen.

Am 8. Mai 2026 fand der Festakt zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und an die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa im Bundeskanzleramt statt. Im Bild Hannah Lessing, Vorständin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.
BKA/Regina Aigner

Appell der Staatsspitze: Verantwortung als täglicher Auftrag

In ihren Ansprachen hoben die Mitglieder der Bundesregierung die historische Verantwortung Österreichs hervor. Bundeskanzler Christian Stocker mahnte in einer Videobotschaft, dass der 8. Mai auch an die „unbequeme Wahrheit“ der Tatbeteiligung vieler Österreicher erinnere; die wichtigste Lehre sei, wie schnell Verhältnisse kippen, wenn zu viele wegschauen.

Vizekanzler Andreas Babler warnte vor einer neuen Spaltung der Gesellschaft und plädierte in einer „Zeit der Permakrise“ für mehr gelebte Demokratie, um dem aktuellen Vertrauensproblem entgegenzuwirken.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr unterstrich die zentrale Rolle der Schulen und der Erinnerungskultur, damit alle Menschen in Österreich – insbesondere angesichts internationaler Konflikte – frei von Diskriminierung und Antisemitismus leben können.

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Das Ende der Nachkriegsordnung

Die Brücke zur Gegenwart schlug der Festredner Ivan Krastev. Er begann seine Rede mit einem Satz des kürzlich verstorbenen deutschen Philosophen Jürgen Habermas: „Wir alle sind Kinder des 8. Mai.“ Mit Rückblick auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs meinte Krastev, „alle Europäer gehen auf den 8. Mai zurück“; an diesem Tag 1945 sei Europa nur eine Möglichkeit gewesen.

Krastev konstatierte das Ende jener Ära, die Tony Judt als „Postwar“ bezeichnet hatte – eine Zeit, in der das Unvorstellbare eines großen Krieges in Europa die größte Errungenschaft war. Dieses Fundament sei in den Ruinen der ukrainischen Städte begraben worden: „Den Krieg undenkbar zu machen, war Europas größte Errungenschaft; nun ist es zu seiner größten Verwundbarkeit geworden.“

Deutlich wurde der Festredner beim Thema der historischen Vereinnahmung. Er wies den Vorwurf zurück, Kritik an der aktuellen russischen Führung bedeute ein Vergessen der Opfer der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Vielmehr müsse man sich daran erinnern, dass Millionen sowjetischer Bürger starben, damit Städte wie Kiew und Charkiw nie wieder bombardiert würden – und dass es heute Russland selbst ist, das diese Städte angreift.

Auch die aktuelle Lage im Nahen Osten thematisierte Krastev als Herausforderung für unser Geschichtsverständnis. Krastev plädiert dafür, die Erinnerung an den Holocaust nicht von aktuellen politischen Ereignissen zu isolieren, sondern sich universellen humanitären Werten zu verpflichten.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab Krastev dem Begriff der „Resilienz“ eine tiefere Bedeutung. Resilienz sei „kein Regierungsprogramm“, sondern vor allem der Mut, in schwierigen Zeiten mit Hoffnung weiterzuleben. Nach Václav Havel sei es „die Hoffnung, die uns die Kraft zum Leben gibt“.

Im Bild Festredner Ivan Krastev. Am 8. Mai 2026 fand der Festakt zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und an die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa im Bundeskanzleramt statt.
BKA/Regina Aigner

Die Republik als gemeinsames Haus

Zum Abschluss der Veranstaltung, die musikalisch von Mitgliedern der Wiener Philharmoniker begleitet wurde, zog Hannah Lessing ein Resümee über 81 Jahre Frieden und Sicherheit in Österreich. Sie warnte vor der Gefahr der Selbstzufriedenheit, die eine lange „Folge von guten Tagen“ (Elias Canetti) mit sich bringen könne.

Lessing verglich die Republik mit einem geerbten Haus: „Man kann nicht einfach nur darin wohnen, seine Annehmlichkeiten nutzen, ohne auch für seine Erhaltung zu sorgen. Sonst verfällt es.“ Es liege an der heutigen Generation, was aus diesem „Haus“, das von der Nachkriegsgeneration unter gewaltigen Anstrengungen aufgebaut wurde, in Zukunft werde.

Abschließend zitierte Lessing aus dem Zeitungsartikel vom 8. Mai 1945, der mit einer Erkenntnis und einem Versprechen endete, das als Auftrag für das Heute verstanden werden kann: Den Frieden zu schützen – „entschlossen, einmütig und mit brennender Leidenschaft“.

Mit dem gemeinsamen Erklingen der Europa- und Bundeshymne endete die Gedenkveranstaltung.

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