Nachruf Alois Kaufmann

Am Mittwoch, den 21. März 2018, ist Alois Kaufmann in Wien verstorben. Alois Kaufmann war als Kind in der Erziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“ untergebracht, wo er wie viele andere Kinder den Misshandlungen von Pflegepersonal und ÄrztInnen ausgesetzt war.

Alois Kaufmann
Alois Kaufmann bei einem Treffen mit Hannah Lessing
Foto: Hannah Lessing

Als uneheliches Kind am 6. Mai 1934 in Graz geboren, wurde Alois Kaufmann von der Mutter nach der Geburt weggegeben und wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Er kam zu verschiedenen Pflegefamilien, wo er oft misshandelt wurde. Schließlich wurde er von seiner letzten Pflegemutter als „schwieriges Kind“ bei der Kinderübernahmestelle in der Wiener Lustkandlgasse abgegeben.

1943 kam Alois Kaufmann im Alter von 8 Jahren in die Kindererziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“, wo er schlimmsten körperlichen und seelischen Misshandlungen ausgesetzt war. Erst nach Kriegsende 1945 holte sein Vater den schwer gezeichneten Sohn ab. Die Erlebnisse am Spiegelgrund sollten Alois Kaufmanns späteres Leben nachhaltig prägen und ihm ein normales Leben schwer machen.

Bereits 1945 schloss er sich der Sozialistischen Jugend an, er wurde Sozialarbeiter.
Eine große Stütze fand er in seiner Frau Hermine, die ihm eine liebevolle Gefährtin war und ihn zeitlebens unterstützte.

Seine Erfahrungen „Am Spiegelgrund“ wurden wie die Schicksale der anderen überlebenden „Spiegelgrund-Kinder“ sowie die der rund 800 dort ermordeten Kinder – im Nachkriegsösterreich lange totgeschwiegen. Kaufmann setzte sich immer für die Aufarbeitung dieser Verbrechen ein.

Alois Kaufmann wandte sich als erster an den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, um eine Anerkennung dieser lange negierten Opfergruppe zu erreichen.
1996 erfolgte durch den Nationalfonds eine späte Anerkennung der „Kinder von Spiegelgrund“ als Opfer des Nationalsozialismus.

Für den Nationalfonds war Alois Kaufmann in den folgenden Jahren ein wichtiger Wegbegleiter.
Er war unermüdlich darin, als Zeitzeuge Schulen zu besuchen und jungen Menschen von seinem Schicksal zu erzählen. Seine traumatischen Erfahrungen machten deutlich, wozu Ausgrenzung führen kann, und vermittelten für die Zukunft eine Warnung vor Faschismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Er sagte:
„Es ist sehr spät, aber nicht zu spät, so dass eine Generation nach uns daraus ihre Lehren ziehen kann: So etwas darf nie wieder passieren!“ (Aus dem Vorwort zu: Totenwagen. Eine Kindheit am Spiegelgrund. Mandelbaum Verlag 2007)

In seinen Büchern, Gedichten und Theaterstücken verarbeitete Alois Kaufmann seine Erfahrungen und bewahrte die Erinnerung an die ermordeten Kinder von Spiegelgrund.

Die Generalsekretärin des Nationalfonds, Hannah M. Lessing, dankt Alois Kaufmann, der ihr im Laufe der Jahre zu einem lieben Freund geworden ist, für sein langjähriges Engagement.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Witwe Hermine.