Gerda Bursztyn

Zug nach Bolivien

Gerda Bursztyn wurde am 9. November 1931 in Wien geboren. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung musste sie mit ihren Eltern im Frühling des Jahres 1939 nach Frankreich flüchten. Dort erhielt die Familie Unterstützung von einem Franzosen, schließlich aber wurden Gerda und ihre Mutter von ihrem Vater getrennt und in verschiedenen Lagern festgehalten. Im April 1940 verließ die Familie gemeinsam Frankreich mit dem Schiff Richtung Südamerika. In Bolivien angekommen, musste Gerdas Vater in einer Mine arbeiten. Die schwere Arbeit und die große Seehöhe machten ihm gesundheitlich schwer zu schaffen, und er verstarb 1944 im Alter von nur 48 Jahren. Gerda Bursztyn lebt heute noch in Bolivien.

Ich musste mit meinen Eltern im Jahre 1939 von Wien auswandern. Ich war damals sieben Jahre alt. Wir wohnten in der Porzellangasse 27 (IX. Bezirk in Wien). Ich ging im IX. Bezirk in die Grünentorschule [1]. Ab dem zweiten Semester meines ersten Schuljahres musste ich die Schule wechseln, weil jüdische Kinder nach dem „Anschluss“ [2] nur auf gewisse Schulen gehen durften. Diese Schule war weit weg von zu Hause.

Mein Vater war Buchhalter und arbeitete in der Bank „Auspitz & Lieben“ als Chefbuchhalter und Prokurist der Bank seit 17 Jahren. Ich weiß, dass mein Vater es liebte, wertvolle Sachen für die Wohnung zu kaufen, speziell Bilder. Mein Vater wollte und dachte nie daran, Wien zu verlassen, aber am 10. November 1938 [3] ca. um 18 Uhr abends kamen zwei SS-Männer und nahmen meinen Vater mit Gewalt von zu Hause weg. Als ich zu weinen anfing, nahm einer seinen Revolver heraus und schrie: „Wenn die nicht aufhört, erschieß ich sie!“

Glücklicherweise führte man meinen Vater zur nächsten Polizeistation im IX. Bezirk. Dort musste er Kohle auf einen Wagen laden mit anderen Leuten, da kam der Polizeichef, der meinen Vater kannte, und sagte: „Herr Blau, was machen Sie hier? Gehen Sie schnellstens nach Hause, und ich rate Ihnen, von Wien wegzufahren, weil das nächste Mal werde ich nicht in der Nähe sein, um Ihnen zu helfen.“

Danach entschlossen sich meine Eltern, nach Frankreich zu flüchten, denn dorthin war schon die Familie meiner Mutter entflohen. Unter SS-Kontrolle verkauften meine Eltern die Möbel, und das, was Wert hatte, musste abgegeben werden an die SS-Leute. Ich war damals noch zu jung, um alles zu erfassen, aber ich hörte von meiner Mutter, dass wir viel Wertvolles verloren (Silberbesteck, Schmuck, Ölgemälde usw.).

Es ist bekannt, dass man damals nur mit (ich weiß nicht genau ob) 10 oder 20 Reichsmark pro Person auswandern konnte. Meine Eltern mussten Sachen in Frankreich verkaufen und auch Geld von meinen Onkeln in Bolivien erbitten, um unsere Fahrkarten nach Südamerika bezahlen zu können. Wir konnten Porzellan, Kristall, Wäsche, das Grammophon, Schallplatten, die Nähmaschine und manche Bücher (nicht alle) und einen Perserteppich mitnehmen.

Wir sind im April 1939 nach Frankreich gefahren. Wir lebten in Frankreich, illegal, ca. ein Jahr. Ich war zu jung, um mich genau erinnern zu können, wie lange auf jedem Platz.

Zuerst kamen wir aufs Land in ein kleines Dorf namens Adini (in der Nähe von Épinal/Vosges [4]), wo uns ein Franzose, M. [5] Pescheur, ein Landhaus für die ganze Familie zur Verfügung stellte. Nach kurzer Zeit kamen die Deutschen nach Frankreich [6], und da wir in der Nähe der Grenze waren, mussten wir weg. M. Pescheur half uns immer. Damals konnte ich nicht genau verstehen, was passiert, aber später erzählten mir meine Mutter und Großmutter, dass wir nur in Frankreich bleiben konnten, weil mein Vater zwei Brüder in Bolivien hatte, die versprachen, uns ein Visum zu senden.

Meine Großmutter, ein Onkel und mein Kinderfräulein verbrachten den ganzen Krieg in Frankreich in einem Kloster versteckt. Mein Onkel ging in die Fremdenlegion [7], und mein Kinderfräulein starb während des Krieges.

Meine Mutter und ich wurden dann nach Argenteuil [8] geschickt, wo wir zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer leeren Fabrik lebten, die angeblich Baron Rothschild [9] gehörte. In Argenteuil waren nur Frauen und Kinder, also damals wurden wir von meinem Vater getrennt. Wir konnten die Fabrik nicht verlassen, wir waren so gut wie eingesperrt. Mein Vater wurde in ein Flüchtlingslager gebracht, zuerst in das Camp du Martinet und nachher nach Neufchâtel [10].

Da wir unsere Ausreisepapiere in Paris bekamen, konnten meine Mutter und ich nach Paris fahren. Die erste Nacht in Paris verbrachten wir in einem Bettelasyl, und danach mietete meine Mutter ein Zimmer in der Nähe vom alten Großen Markt. Meine Mutter kochte in dem Zimmer, und es war gleichzeitig auch unser Schlafzimmer und Badezimmer. Wir mussten uns mit einem Krug Wasser waschen – während der Zeit in Paris hatten wir weder fließendes Wasser noch eine Badewanne. Nachdem die Visa kamen, verkaufte meine Mutter den Perserteppich und etwas Kristall am Flohmarkt, um die Schiffskarten und andere Spesen bezahlen zu können. Mein Vater wurde dann nach Marseille gebracht – er stand immer unter Bewachung –, und meine Mutter und ich sind auch nach Marseille gefahren. Dort besuchten wir meinen Vater. Ich erinnere mich, er war in einer Kaserne mit jungen französischen Soldaten.

Unser Schiff war ein Kriegsschiff, das letzte, welches von Marseille nach Südamerika fuhr. Dort waren wir in der 3. Klasse und unter Aufsicht des Kapitäns. Wir durften in keinem Hafen das Schiff verlassen, und als wir in Argentinien ankamen, wurden wir in dem bekannten „Hotel de Inmigrantes“ [11] eingeschlossen, bis unser Zug nach Bolivien abfuhr. Wir wurden mit einem Bus direkt bis an den Bahnhof und unter Bewachung in den Zug hineingebracht. Im Zug waren wir wieder in der 3. Klasse. Es war eine Reise von vier Tagen und drei Nächten, die wir auf Holzbänken verbrachten. Aber wir waren endlich frei.

In Bolivien arbeitete mein Vater zuerst in einer Mine in Huanuni [12] für die Gesellschaft Patiño [13] in der Nähe von Oruro [14], wo meine Mutter und ich wohnten, und nachher in einer anderen Mine (Hochschild [15]) und in einem Elektrizitätswerk. Das Elektrizitätswerk hieß Kilpani [16] und lag auf 5.000 Meter Seehöhe. Inzwischen hatte ich zwei Schuljahre verloren, und daher schickten mich meine Eltern, als ich zehn Jahre alt war, ins Internat nach Oruro. Um dieses zu bezahlen, verkauften meine Eltern ein Porzellanservice und Kristallgläser.

Von der Höhe und dem Kummer bekam meine Mutter Rheumatismus und mein Vater eine Herzkrankheit. Mein Vater wurde von der Hochschild-Mine nach La Paz [17] übersiedelt und schwer herzkrank nach Yungas (Chulumani) [18] gebracht, was niedriger liegt. Dort war ein Spital. Nach ein paar Monaten im Spital von Chulumani starb mein Vater dort im Oktober 1944 im Alter von 48 Jahren. Danach arbeitete meine Mutter als Köchin am Amerikanischen Institut, wo ich zur Schule ging. Meine Mutter starb am 16. Dezember 1963.

Das was ich als Unrecht fühle, ist das Folgende: Mein Vater war vor dem Krieg in einer sehr guten Position beschäftigt und ist durch den Krieg viel zu jung gestorben. Ich blieb mit meiner Mutter unversorgt zurück, verlor zwei Schuljahre und konnte aufgrund unserer schlechten ökonomischen Lage nicht auf der Universität studieren. Heute, mit 65 Jahren [19], kann ich daher nicht in den Ruhestand gehen, sondern muss weiter arbeiten. Was passiert ist, ist passiert, aber ich habe das Gefühl, dass ich in Österreich ein besseres Leben gehabt hätte.

Auszüge aus der Lebensgeschichte von Gerda Bursztyn wurden anlässlich des Gedenkjahres 2018 von MitarbeiterInnen des Nationalfonds und des Allgemeinen Entschädigungsfonds gelesen: "Erlesene" Erinnerungen von ZeitzeugInnen zum Jahr 1938.

[1] Die Volksschule, die Schubert-Schule in der Grünentorgasse 9, befindet sich auch heute noch an dieser Adresse.
[2] Als „Anschluss“ wird die Annexion Österreichs und dessen Eingliederung in das Deutsche Reich am 13. März 1938 bezeichnet.
[3] In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begannen im gesamten Deutschen Reich mehrere Tage andauernde antisemitische Ausschreitungen. Diese wurden als spontane Reaktion der Bevölkerung auf das Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath in Paris am 7. November 1938 dargestellt, waren jedoch vom NS-Regime organisiert. Hunderte Menschen wurden verletzt, gedemütigt oder ermordet. Synagogen wurden niedergebrannt, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und zerstört. Allein in Wien wurden über 40 Synagogen und Bethäuser verwüstet. Mehr als 6.500 Wiener Juden wurden verhaftet und fast 4.000 ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Der Pogrom markiert den Übergang von der Diskriminierung der Jüdinnen und Juden zur systematischen Verfolgung, die schließlich in den Holocaust mündete.
[4] Épinal ist die Hauptstadt des französischen Département [französisch für Landkreis] Vosges im Nordosten von Frankreich.
[5] Abkürzung für Monsieur, französisch für Herr.
[6] Anfang Juni 1940 griff die Deutsche Wehrmacht im Zuge des so genannten Westfeldzuges Frankreich an und nahm bereits am 14. Juni 1940 Paris ein.
[7] Die Fremdenlegion gehört zum französischen Heer, besteht jedoch zum größten Teil aus ausländischen Söldnern.
[8] Stadt nordwestlich von Paris.
[9] Die jüdische Familie der Rothschilds hat sich seit dem 18. Jahrhundert vor allem im Bankgeschäft einen Namen gemacht und zählte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Financiers verschiedener europäischer Staaten.
[10] In den Gemeinden Martinet im Westen Frankreichs und Neufchâtel-en-Bray in Nordfrankreich befanden sich Internierungslager für Flüchtlinge.
[11] Gebäude im Hafen von Buenos Aires in Argentinien, in dem ankommende ImmigrantInnen untergebracht wurden.
[12] Stadt im bolivianischen Departamento [spanisch für Verwaltungsbezirk] Oruro, wo sich die größte Zinnmine Südamerikas befindet.
[13] Von Simón Iturri Patiño (1860–1947), einem bolivianischen Industriellen, gegründetes Bergbauunternehmen.
[14] Hauptstadt des gleichnamigen Departamento in Bolivien.
[15] Von Dr. Moritz Hochschild (1881–1965), einem jüdisch-deutschen Bergbauunternehmer, gegründetes Minenunternehmen in Südamerika.
[16] Dorf im bolivianischen Departamento Potosí.
[17] Hauptstadt von Bolivien.
[18] Chulumani ist eine Stadt in der Region Yungas im Departamento La Paz.
[19] Gerda Bursztyn hat diesen Text im Jahr 1996, im Alter von 65 Jahren, verfasst.