Erich Richard Finsches

Auf dich haben wir schon gewartet ...

Erich Richard Finsches wurde am 11. September 1927 in Wien als Sohn einer jüdischen Mittelstandsfamilie geboren.

Mit zehneinhalb Jahren lernte ich den Nationalsozialismus von seiner ganzen Härte kennen. Im April 1938 wurde ich aus der Schule hinausgeschmissen. Einige Tage später wurde ich von zwei HJ-Burschen beschimpft und bedroht. Sie schimpften mich: "Jud, Jud spuck in' Hut. Sag der Mutter, das ist gut." Ich antwortete ihnen: "Des is' besser." Nachdem die Burschen aber viel größer und stärker als ich waren, und vor allem älter, gingen sie auf mich los und wollten mich so richtig verprügeln. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, was ich konnte. Zum Schluss ließen sie dann von mir ab.

Im November 1938 wurden viele jüdische Männer verhaftet. Auch mein Vater war dabei; wir wussten es nicht. Meine Mutter hat mich beauftragt: "Bitte komm, such den Papa, vielleicht, ich weiß nicht, er ist Mittag nicht nach Hause gekommen. Es muss ihm irgend etwas passiert sein. Schau einmal bei allen Bekannten nach und geh am Abend, dann, wenn du nichts erfahren hast, zur Polizei." So wie gesagt, habe ich es durchgeführt. Am Abend ging ich dann auf das Bezirkskommissariat Tannengasse im 15. Bezirk und fragte: "Ist mein Vater da?" "Wie heißt er?" "Julius Finsches." "Jo, den hamma do, und wer bist du?" "Der Sohn." "Aha, auf di' hamma ja schon gwart, dann kum glei' eine, kum glei' her." Der Empfang war, nach alter herkömmlicher Art der Nazis, eine richtige, anständige Tracht Prügel. Dann wurde ich zu den bereits verhafteten jüdischen Männern ins Verlies eingesperrt. Es waren zu diesem Zeitpunkt bereits vielleicht an die 250 bis 350 Personen verhaftet, so dass ich mich erst durchkämpfen musste und meinen Vater dann erst nach ca. zwei Stunden Haft in der Zelle gefunden habe. Dort sind wir zwei Tage ohne Verpflegung, ohne Möglichkeit uns zu waschen oder sonst irgend reinlich zu halten, gefangen gehalten worden. Wir konnten nur das WC benützen.

Dann eines Vormittags hat es geheißen, die Männer alle heraus, einzeln aufstellen. Ich wollte mit meinem Vater Kontakt aufnehmen, während die Männer aus den Zellen hinausgeprügelt wurden, was aber nicht gut möglich war. Er konnte nur immer wieder sagen: "Bleib stark und grüß mir die Mama." Auf diese Art und Weise haben wir uns für längere Zeit voneinander verabschiedet. Die Männer mussten sich dann alle im Hof aufstellen, sie mussten stramm stehen wie beim Militär, es durfte sich keiner bewegen, sie wurden einzeln aufgerufen, in Reih und Glied mussten sie dann in Richtung Westbahnhof abmarschieren. Am Westbahnhof wurden sie "einwaggoniert" und der ganze Transport, ein ganzer Zug voll, ging nach Dachau. [1]

Ich blieb noch einen Tag auf dem Kommissariat, und am nächsten Tag hat man mich dann von dieser Zelle herausgeholt und zur Gestapo auf den Morzinplatz [2] überstellt. Der Empfang am Morzinplatz war nicht viel anders als bei der Polizei. Prügel, Stöße, Prügel mit Gewehrkolben, Tritte, und, und, und, Watschen, fürchterlich. Das ist stundenlang so gegangen, ich habe nicht mehr aus den Augen schauen können, so war ich geschwollen, im Gesicht und auch am ganzen Körper. Ich war damals komplett blutüberströmt, bin zusammengebrochen, bin dort angeblich liegen geblieben. Andere Häftlinge haben mich dann hinaufgetragen in eine Mansarde. In dieser Mansarde, das waren so kleine Zimmerln, war nichts drinnen, außer zwei bis drei Pritschen, einige Decken und eine ganze Menge Personen, die verhaftet worden waren und dort festgehalten wurden. Die lagen alle am Boden, haben fürchterlich ausgeschaut. Viele haben sich die Wunden verarztet, weil sie geblutet haben, aus dem Gesicht, aus dem Mund, die waren ganz verschmiert. Erst nach zwei Tagen wurde ihnen erlaubt, dass sie sich im Waschraum waschen. Wir bekamen nur mehr einmal am Tag ein Getränk und einmal am Tag etwas zu essen. Meistens war es nur trockenes Brot, sonst nichts.

Nach einigen Tagen wurde ich wieder hinunter geholt zu einem Gruppenführer. Der Gruppenführer hieß Ebner [3], ein berüchtigter Schläger. Dieser gute Mann hat mich angeschaut, und das Erste, was er tat, war, mir zwei Boxhiebe zu versetzen, so dass ich mit dem Hinterkopf an die Wand gefallen bin und fürchterlich schwindelig war. Und so bin ich etliche Male von ihm behandelt worden. Nach einiger Zeit hat er mich gefragt: "Ja, was ist denn dir eingefallen? Mit meinem Sohn und mit seinem Freund zu raufen? Was hast du denn verbrochen? Wieso hast du dem einen die Hand gebrochen, dem anderen den Zahn ausgeschlagen?" Ich war so verstört, dass ich keine Antwort geben konnte. Daraufhin wieder Prügel, Stöße, Tritte. Aber nicht nur von ihm alleine, es waren meistens zwei oder drei Gestapobeamte im selben Zimmer, die Unterstützung dieses vernehmenden Beamten, wie er sich genannt hat. Dann nach einiger Zeit hat man mich wieder hinaufgeführt, weil ich keine Antwort geben konnte.

Einige Tage später hat man mich zu Reinigungsarbeiten im Haus eingeteilt. Ich musste Stiegen reiben, Klosette putzen, Gänge aufwaschen, die Badezimmer reinigen, in denen die SS-Leute genächtigt hatten, teilweise auch Boden bürsten, aber das hat mir alles nichts ausgemacht. Aber dazwischen, wenn die Aufseher gesehen haben, dass man vielleicht a bisserl langsamer ist oder a bisserl rasten wollte, bekam man gleich Tritte oder Stöße, und da war ja auch SS-Bewachung in der Gestapo, und die haben alle zum Großteil ein Gewehr gehabt und mit dem Gewehrkolben dann hingeschlagen, das hat immens weh getan. Beim Aufwaschen ist immer einer hinter mir gestanden, ein SS-Mann. Und wenn ich ihm zu langsam war oder nicht gut zusammengewischt habe, weil der Fetzen entweder schon so schlecht oder zu nass war, hat er mir einen Tritt versetzt, dass ich mit dem ganzen Gesicht meistens auf der Erde gelegen bin oder auf den Stiegen und mir das Gesicht fürchterlich zerschlagen habe. Das waren Zustände, die mir damals sehr zu schaffen gemacht haben, obwohl ich sehr jung war. Ich war damals elf Jahre alt, und so vergingen einige Wochen.

Nach einiger Zeit, ich habe die Zeitrechnung nicht mehr mitbekommen, das muss April oder Mai 1939 gewesen sein, hat man mich wieder zum Gruppenleiter geführt. Da waren noch zwei andere dabei, und die haben sich beraten: "Was soll man mit dem Buben machen, der hat ja die zwei Hitlerbuben so hergerichtet, den können ma jo net aussehaun, na, mir schicken ihn nach Eisenerz, ins Arbeitsertüchtigungslager, da soll er amal arbeiten lernen." Da war ich genau elf Jahre alt, als man mich dorthin überstellt hat. [4] Dort musste ich arbeiten. Die Arbeit hätte mir ja nichts ausgemacht, aber die Schaufel, der Schaufelstiel war größer, länger als ich selbst. Ich konnte kein Erz in die Loren einfüllen. Die Bewachung in Eisenerz waren SA-Leute. Ich hatte solche Angst vor dieser Uniform, vor diesen Menschen, weil die immer mit dem Karabiner, mit dem Gewehrkolben auf uns Häftlinge losgegangen sind und mit diesen Gewehrkolben auf uns gestoßen haben, wenn einer bei der Arbeit nicht so schnell war oder konnte, wie sie es wollten. So habe ich auch einige Tage Bitterkeit in Eisenerz, im Arbeitsertüchtigungslager, wie sie das genannt haben, erleben müssen. Aber nachdem ich einige Freunde dort gehabt habe, die schon älter waren als ich, haben wir schon gewisse Sachen ausgekundschaftet, wo eine Fluchtmöglichkeit besteht usw. Von dieser Fluchtmöglichkeit habe ich nach einigen Tagen Gebrauch gemacht, weil diese Arbeiten dort in Eisenerz für mich unerträglich geworden sind, da ich sie ja nicht bewerkstelligen konnte.

So habe ich versucht, über Feld und Flur, durch Wälder, vor allem über Gebirgszüge, zu Fuß nach Wien zu kommen. Ich konnte ja nur über Wege gehen, die nicht beobachtet wurden, oder über Felder, weil die öffentlichen Wege ja alle sehr gut kontrolliert wurden. Jeder wurde bei Brücken oder bei sonstigen Kontrollstellen immer wieder überprüft, Ausweise wurden verlangt. Nachdem ich ja keinen Ausweis mehr gehabt hatte, konnte ich nur über Felder und über Wälder den Weg nach Wien suchen. Ich habe dann ungefähr vier Monate gebraucht, zu Fuß, ohne Karte, ohne Kompass, nach Wien zu meiner Mutter zu kommen. In dieser Zeit musste ich mich von Feld und Flur ernähren. Von Früchten im Wald oder kleinen Sachen, die man auf Feldern schon oder noch gefunden hat, z.B. Zwiebelrohr oder im Wald Beeren. Wenn ich bei einem Einschichthof vorbeigekommen bin, da hatte ich oft große Angst hinzugehen zu den Leuten, aber wenn der Hunger sehr groß war, habe ich es doch manches Mal versucht. Geschlafen habe ich oft in den Wäldern oder in irgendeiner Stroh- oder Heutristen, es ist ja schon Juni, Juli geworden. Ich habe mich auch oft nach der Sonne orientiert. Bei Regen war es natürlich noch schlechter, da bin ich oft komplett durchnässt gewesen.

Auf diese Art bin ich dann nach fast vier Monaten nach Wien gekommen. Ich musste erst meine Mutter suchen. Unsere alte Wohnung war ja ausgeplündert worden. Man hat meine Mutter hinausgeschmissen, nur mit einer Handtasche. Man hat ihr alles weggenommen, und dann konnte ich von Bekannten erfahren, dass sie noch in Wien wohnt, an einer anderen Adresse. Ich konnte die Adresse ausfindig machen. Das war in Wien, im 1. Bezirk, in der Predigergasse. Dort habe ich sie aufgesucht. Das war ein Riesenempfang für mich und für sie, dass ich noch leb', und in den nächsten Tagen ist auch mein Vater rausgekommen aus Dachau.

Ich konnte nicht zu Hause bei meiner Mutter bleiben, denn zu meiner Mutter kam oft zwei- bis dreimal täglich die Gestapo nachschauen, ob ich nicht doch in der Wohnung sei und sie es nur verheimlichen würde. Sie suchten mich, schon alleine speziell aus dem Grund, weil ich mit meinen elf Jahren die Flucht aus Eisenerz geschafft hatte. Sie wollten meiner auf alle Fälle wieder habhaft werden. Nach meiner Flucht aus Eisenerz, in Wien, hatte ich dann die Möglichkeit, mit Hilfe von Freunden und Bekannten fast zwei Jahre im Untergrund als U-Boot zu leben. Ich konnte nur fallweise zu meiner Mama kommen, mir hie und da frische Wäsche holen. Ansonsten hatte ich in ganz Wien irgendwelche Bekannte und Freunde kennen gelernt, die selbst auch im Untergrund waren und die mir viele Verstecke und Möglichkeiten geboten haben. Fallweise konnten wir sogar ein wenig Geld verdienen, so dass wir uns ernähren konnten und dass wir auch ruhige Nächte verbringen konnten, wo wir ohne Furcht und Angst schlafen konnten.

Speziell im Winter, wenn es kalt war, war das eine sehr heikle Angelegenheit. Da hatten wir eine einzige Möglichkeit, durch diese Frau. Sie kannte Leute vom Carltheater [5], und diese Leute ließen fallweise immer hinten die Türe oder einen Nebeneingang offen oder machten ihn so, dass es nicht aufgefallen ist, so dass wir hinein konnten, und unten im Keller hatten diese Leute, die Arbeiter des Theaters, einige Kammerln, die zum Teil auch geheizt wurden. Dort konnten wir schlafen. Dort fanden wir meistens auch ein Sofa oder irgendein Bett mit Decken usw., so dass wir in Ruhe schlafen konnten. Wir mussten nur zeitgerecht wieder von dort weg, so dass es nicht auffiel, dass Leute dort übernachten. Das Carltheater war für mich eine große Zufluchtsstätte für die kalte Winterjahreszeit.

Nachdem ich zwei Jahre als U-Boot in Wien gelebt hatte, wurde ich bei einer Razzia aufgegriffen und hatte das Glück, nicht wieder direkt in die Gestapozentrale zu kommen, sondern in eine Gestapo-Abteilung. Von dieser wurde ich dann zwangsverpflichtet bei einer Baufirma zum Straßenbau in Wien. Diese Firma hatte mich von September bis Dezember 1942 als Bauhilfsarbeiter beschäftigt. Ich wurde dann an eine andere Firma zur Zwangsarbeit vermittelt, das war die Wäscherei Habsburg vormals Excelsior, ein arisierter jüdischer Betrieb. Dort musste ich wieder Kohlenschaufeln. Eine sehr schwere Arbeit. Die Schaufel war noch immer größer als ich, aber ich konnte diese Arbeit doch irgendwie bewältigen, mittlerweile war ich ja bereits 14¼ Jahre alt. Von dort konnte ich dann eines Tages, als ich gehört hatte, dass die großen Transporte bereits nach Polen gehen [6], flüchten. Es ist mir die Flucht nach Ungarn geglückt, wo ich natürlich auch sehr große Enttäuschungen erleben musste. Ungarn war nicht die letzte Station. Die letzte Station für mich war dann Auschwitz, respektive Dachau, wo ich befreit wurde.

Ich leide heute noch an schweren Körperbehinderungen, die aus dieser Zeit her stammen, und das, was ich als Kind erlebt habe, ist für mich heute noch ein Alptraum.

Auszüge aus der Lebensgeschichte von Erich Richard Finsches wurden anlässlich des Gedenkjahres 2018 zum Gedenken an den 80. Jahrestag des Einmarschs deutscher Truppen in Österreich von MitarbeiterInnen des Nationalfonds und des Allgemeinen Entschädigungsfonds gelesen: "Erlesene" Erinnerungen von ZeitzeugInnen zum Jahr 1938.

[1] Von den mehr als 6.500 im Zuge des Novemberpogroms 1938 inhaftierten Wiener Jüdinnen und Juden wurden rund 3.700 in das KZ Dachau transportiert.
[2] Auf der Verlängerung des Schwedenplatzes, dem Morzinplatz, befand sich im damaligen Hotel Metropol der Sitz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Wien.
[3] Karl Ebner, ab 1943 SS-Obersturmbannführer, war "Judenreferent" und stellvertretender Leiter der Gestapo-Leitstelle Wien.
[4] Im steirischen Eisenerz befand sich ein "Arbeitseinsatzlager", wo u.a. einige hundert österreichische Juden Zwangsarbeit verrichten mussten. Ab 1940 mussten hier vor allem polnische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene Erz abbauen. 1943 wurde in Eisenerz auch ein Außenkommando des KZ Mauthausen mit rund 500 Häftlingen errichtet.
[5] Das ehemalige Carltheater im zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, war Uraufführungsstätte vieler Werke von Johann Nestroy, der in den 1850er-Jahren auch Direktor des Theaters war. 1929 wurde das Carltheater geschlossen, 1944 bei einem Bombenangriff beschädigt und 1951 abgerissen.
[6] Bereits vor Beginn der systematischen Deportationen der jüdischen Bevölkerung des "Großdeutschen Reiches" im Herbst 1941 wurden im Februar 1941 rund 5.000 österreichische Jüdinnen und Juden in die Ghettos der polnischen Kleinstädte Opole, Kielce, Modliborzyce, Lagow und Opatow deportiert und 1942 zum größten Teil in den NS-Vernichtungslagern ermordet. Nur 70 Überlebende sind bekannt.