Erika Nemschitz

Was war, musst du vergessen!

Erika Nemschitz wurde 1932 in Wien geboren. Ihr Vater war Jude.

Farbfoto von älterer Dame vor Haus Rennweg 52 mit Foto ihrer Familie in der Hand.
Erika Nemschitz mit einem alten Familienfoto, Wien 2012.
Foto: Wilfried Blaschnek, Privatarchiv Erika Nemschitz

Ich hörte die Bemerkung stets:
"Was war, musst du vergessen!"
Wer diese Zeit nicht miterlebt',
kann nicht das Leid ermessen.

Verdrängung war stets angesagt
– ich wurd' dazu gezwungen.
Ich hab's versucht – Gott sei's geklagt
– es ist mir nicht gelungen.

Mich wegen der Erinnerung
zu schelten ist vermessen.
Ich kann eben die böse Zeit
mein Lebtag nicht vergessen.

Man find't für jede Missetat
heut' viele Mild'rungsgründe.
Nur, dass ich mich "geoutet" hab',
ist für die Meinen Sünde.

Man meint, dass dieses "Outing"
ein grober Unfug war.
Damit brächt' ich – so sagen sie
– die Meinen in Gefahr!

Wie könnte ich, ohne Verstand,
mich nur so blöd benehmen?
Für meine Rücksichtslosigkeit
müsst' ich mich wirklich schämen.

Ich hab' von ihnen fast ein Jahr
kein einz'ges Wort gehört.
Es hat – dass teils ich Jüdin bin
– sie plötzlich arg gestört.

Würd' ich von meiner Herkunft nur
ein Quäntchen Abstand nehmen,
müsst' ich vor'm toten Vater mich
ganz ohne Maßen schämen.

Mein Vater war als "Mensch" so groß,
ihr find't nicht seinesgleichen.
Wenn ihr auf Zehenspitzen steht,
könnt ihr ihn nicht erreichen.

Ich lasse jeden Menschen doch
so sein, wie's ihm beliebt
– verlange aber, dass man mir
die gleichen Rechte gibt.

Weil man mit Geldbeträgen heut'
von Schuld sich frei will kaufen,
macht man aus Opfern Täter nun
– es ist zum Haare raufen!

Man glaubt, die "Wiedergutmachung"
müsst' unser Herz ergötzen,
man kann jedoch – mit allem Geld
– die Jugend nicht ersetzen.

Die einen wollen nicht darüber reden, weil sie – berechtigt oder nicht – ein schlechtes Gewissen haben. Die anderen können nicht darüber reden, weil die Erinnerungen zu schmerzlich sind. Es gibt noch eine dritte Gruppe: nämlich jene, die man mit der stereotypen Aufforderung: "Das ist vorbei, das musst du vergessen!", mundtot machte.

Die körperlichen Wunden heilen, die seelischen aber nicht. Die alten Narben schmerzen am meisten, wenn jene, von denen man Liebe und ein wenig Wärme erhofft, sich blind und taub stellen und unsere unausgesprochenen Bitten um Verständnis als lästig empfinden.