Doris Lurie

Ihr Reisepass lief in zwei Tagen ab

Doris Lurie wurde am 26. Februar 1928 in Wien geboren. Aufgrund der mit dem "Anschluss" im März 1938 einsetzenden Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden flüchtete sie am 16. März 1938 mit ihrer Mutter zunächst in die Schweiz und dann weiter nach Frankreich, wo ihr Vater arbeitete. Nach Kriegsausbruch flohen Frau Lurie und ihre Mutter weiter nach Großbritannien, von wo aus sie 1940 nach Südafrika emigrierten. Frau Lurie lebt heute noch in Südafrika.

Am 26. Februar 1938 wurde ich zehn Jahre alt. Einige Tage vor dem "Anschluss" hat man mir verboten, weiter in die Schule zu gehen.

Als jüdische Geschäfte überfallen wurden, als man Jüdinnen und Juden auf der Straße aufgriff und sie zwang, Volksabstimmungsparolen abzuwaschen, die mit wasserfester Farbe geschrieben waren, als es plötzlich gefährlich wurde, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, da entschloss sich meine Mutter, Wien zu verlassen.

Meine Mutter war Psychologin und hatte einen jungen Mann aus England in Behandlung. Am Tag nach dem "Anschluss" kam ihr auf einmal der Gedanke, dass sie für den Notfall unsere Reisepässe von unserem Rechtsanwalt holen sollte. Angesichts der vielen neuen Schwierigkeiten, die mit Amtswegen verbunden waren, erbot sich ihr Patient, sie zur Anwaltspraxis zu begleiten. Das Haustor bewachten bereits zwei Männer in Naziuniform. Der Patient verwickelte sie in ein Gespräch, so dass meine Mutter unbemerkt ins Haus gelangte.

Die Eingangstür zum Büro stand offen. Dahinter saß der Anwalt, mit bleichem Gesicht und entsetzt darüber, dass meine Mutter gekommen war. Er sagte zu ihr, dass er ihr unmöglich irgendwelche Dokumente in seiner Verwahrung aushändigen könne. Sie schaffte es dennoch, ihn dazu zu überreden, ihr wenigstens die Reisepässe zu geben; es werde schon niemand erfahren …

Als sie das Haus verließ, lenkte ihr Patient immer noch die Wachen ab – sie hatten sie nicht bemerkt. Im Taxi auf dem Weg zurück zu unserer Wohnung stellte sie fest, dass die Pässe nur noch zwei Tage lang gültig waren. Da wir genau diese zwei Tage brauchen würden, um nach Frankreich zu gelangen, wo mein Vater damals arbeitete, mussten meine Mutter und ich noch am selben Tag abreisen – es war der 16. März 1938. Wir sperrten unsere Wohnung ab, in der wir unser gesamtes Hab und Gut zurückließen, und gaben die Schlüssel einem Freund. Zwei kleine Koffer waren alles, was wir mitnahmen.

In dieser Zeit war Österreich von jeder telefonischen oder telegrafischen Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Österreichische Staatsbürger durften das Land nicht mehr verlassen.

An jenem Tag fuhr der letzte Zug mit ausländischen Touristen aus Wien ab. Dieser Zug war unsere einzige Chance. Wir stiegen ohne eine offizielle Ausreisebewilligung ein. Bald nach der Abfahrt betrat ein Gestapo-Mann unser Abteil, suchte unsere Adresse in einem sehr großen, schweren Buch und strich etwas durch – wahrscheinlich unsere Namen und Adresse. Er warnte uns, dass wir womöglich nie wieder zurückkehren würden. Später kamen ein paar jugendliche Nazis, die stolz ihre Hakenkreuzschleifen zur Schau stellten. Sie bedrohten uns mit Fäusten und Pistolen und kündigten uns Gefängnis "oder Schlimmeres" an, falls wir uns weigern sollten, unser Geld, unseren Schmuck und unsere Papiere herzugeben. Meine Mutter hatte lediglich ihren Ehering und die 25 Schilling bei sich, die man als Reisegeld mitnehmen durfte. Obwohl wir beide mit österreichischen Pässen reisten, zeigte meine Mutter auch ihren britischen Reisepass her, der durch ihre Heirat mit einem österreichischen Staatsbürger ungültig geworden war. Das verwirrte die Nazis, die uns belästigten.

Endlich, nach einer qualvollen Fahrt, kamen wir in Zürich an und hatten gerade noch genug Geld für ein Telegramm, in dem wir meinen Vater baten, uns Geld für die Weiterreise nach Frankreich zu schicken. Er war schockiert, als er erfuhr, warum wir unser Zuhause verlassen hatten. Wir erreichten am 18. März 1938 Lyon, wo wir meinen Vater trafen. Bald konnte ich wieder in die Schule gehen – allerdings nur bis September 1939. Als der Krieg ausbrach, war wieder alles anders. Als Österreicher und damit "feindlicher Ausländer" [1] wurde mein Vater interniert. Gerüchten zufolge sollten auch die Frauen interniert werden, während man Kinder in ein eigenes Lager bringen würde [2]. Wir hatten keine finanziellen Mittel und mussten aus unserer Wohnung ausziehen. Um meinen Vater freizubekommen, fuhren wir nach Paris, hatten aber keinen Erfolg.

Weil der Reisepass meiner Mutter mittlerweile nicht mehr gültig war, erhielten wir vom britischen Konsul ein "Reisedokument", mit dem wir nach England reisen konnten. Am Freitag, dem 13. Dezember 1939 überquerten wir den Ärmelkanal [3]. Dabei fuhren wir durch ein Minenfeld. Wir standen mit Rettungsringen aus Kork an Deck, bereit, bei einer Explosion des Schiffes ins eiskalte Meer zu springen. Plötzlich sahen wir eine Mine direkt vor unserem Schiff. Es war zu spät, ihr auszuweichen. Im allerletzten Moment tauchte ein Zerstörer aus dem dichten Nebel auf und brachte die Mine zur Detonation, ohne dass sie Schaden anrichtete, und wir konnten unversehrt weiterreisen. Das war unsere zweite Auswanderung.

In unserem ersten Monat in England wohnten wir beim Bruder meiner Mutter und gingen dann nach London, wo meine Mutter in einer kleinen Pension unterkam, die ihr Bruder bezahlte. Ich besuchte einen Monat lang einen von einer Wohltätigkeitsorganisation finanzierten Englischkurs, bevor ich an einer Schule in Chelmsford, Essex aufgenommen wurde. Als Flüchtlingskind musste ich keine Schulgebühren bezahlen. Im Mai 1940 wurde unsere Schule zerbombt, und man evakuierte uns in den Westen Englands. Als Österreicherinnen konnten wir nicht in Großbritannien bleiben, da meine Mutter nicht arbeiten durfte und wir keinerlei Einkommen hatten.

Anfang Juni bezahlte uns eine andere Hilfsorganisation zwei einfache Schiffskarten nach Südafrika, dem Geburtsland meiner Mutter. Wir legten am 4. Juni 1940 auf der "Winchester Castle" von Southampton ab. Das Schiff transportierte 2.000 Soldaten und Munition. Die Reise dauerte drei Wochen. Wir fuhren in einem Konvoi, weil deutsche U-Boote unser Schiff verfolgten. Am 27. Juni 1940 liefen wir in den Hafen von Durban, Südafrika ein, wo ich als Ausländerin einen Fremdenausweis erhielt. Das war unsere dritte Auswanderung. Wir waren nun völlig mittellos.

Die Verwandten meiner Mutter mussten mit einer beträchtlichen Summe Geldes für mich zwölfjähriges Kind bürgen, damit ich nicht dem Staat zur Last fiele. Meine Mutter, deren Gesundheit nach all den Aufregungen und Entbehrungen angegriffen war, fand eine Anstellung, bei der sie schwere körperliche Arbeit leisten musste, um die Familie zu erhalten. In der "Parktown Convent"-Schule in Johannesburg, die ich viereinhalb Jahre lang, bis Dezember 1944, besuchte, wurde mir wieder das Schulgeld erlassen. 1945 begann ich, ausgestattet mit einem Stipendium, ein naturwissenschaftliches Studium an der "University of the Witwatersrand", das ich 1948 abschloss.

Es stellte sich heraus, dass meine Mutter instinktiv und mutig das Richtige getan hatte, als sie mit mir am 16. März 1938 so überstürzt aus Wien geflohen war, denn sonst hätte uns das gleiche Schicksal ereilt wie viele unserer Verwandten, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.

[1] Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs betrachtete Frankreich alle deutschen Staatsangehörigen als "feindliche Ausländer" ("objets ennemis") und internierte sie in speziellen Anhaltelagern, z.B. in Les Milles, Le Vernet oder Saint-Cyprien.
[2] Bei diesem Lager könnte es sich um Rieucros gehandelt haben, wo ab Oktober 1939 nur Frauen und Kinder untergebracht waren.
[3] Der Ärmelkanal war Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen der deutschen und der britischen Kriegsmarine.