Theresia Hafner

Es war mir, als hätte ich einen Bruder verloren

Theresia Hafner kommt aus einer slowenischen Familie in Kärnten. Sie wurde am 11. Oktober 1939 in Matschach/Mače als Einzelkind geboren. Da ihre Eltern die Partisaninnen und Partisanen unterstützten, war ihre Kindheit geprägt von der Angst, entdeckt oder verraten zu werden. Frau Hafner musste als Kleinkind auch die Aussiedlung ihrer Verwandten miterleben, was sie und ihre Familie schwer traumatisierte. Bis heute leidet sie an Schlafstörungen und Angstzuständen.

Farbfoto: Ältere Frau mit einem Familienfoto in den Händen.
Theresia Hafner mit einem alten Foto ihrer Familie.
Foto: Walter Reichl

Ich bin als Einzelkind bei meinen Eltern Margareta, geb. 1910 und Johann Malle, geb. 1904 in Matschach 22 aufgewachsen. Mein Vater war Sägearbeiter und meine Mutter Hausfrau. Wir waren kleine "Keuschler" [1], hatten eine Kuh, zwei Schweine und ein paar Hühner, um leichter überleben zu können. Wir zählten zur slowenischen Volksgruppe und litten deswegen unter der Verfolgung durch die Nazis. Wir hatten ständig Furcht vor einer Entdeckung unserer Kontakte zu den Partisanen, die wir vor allem, so viel ich weiß, mit Nahrungsmitteln unterstützten. Nachts klopften sie oft ans Fenster und baten um Essen. Die Mutter hatte immer Angst, von den Nachbarn beobachtet zu werden. Sie gab den Partisanen, was sie entbehren konnte.

Dann erlebte ich im Mai 1944 das traumatische Geschehen der Aussiedlung der Familie Kriznar, vulgo Bovcar, des Elternhauses meiner Mutter, das ungefähr 100 m von uns entfernt war. Die Bovcar-Familie war im OF-Widerstand [2] tätig und ist durch Verrat aufgedeckt worden. Dies hatte zur Folge, dass die schwer asthmakranke und gebrechliche Großmutter, Barbara Kriznar, geb. in Windisch-Bleiberg, zwei Tanten und vier Onkel ausgesiedelt wurden. Mein Großvater war schon vor Jahren an einer Krankheit gestorben. Drei Onkel wurden nach Dachau gebracht. Einen Onkel hatte kurz vorher ein Gestapo-Mann erschossen.

Ich höre noch heute die Stimme meiner Großmutter, wie sie sich weinend von meiner Mutter verabschiedet. Als der Konvoi mit den Verhafteten, mit allen Vorräten wie Getreide, Kartoffeln und vor allem dem Vieh (Rinder, Pferde), vor unserem Haus stehen blieb, schmiss ein SS-Mann meinen fünf Jahre alten Cousin Philipp über den Zaun, wo er vor meinen Füßen liegen blieb. Philipp war der Sohn meiner Tante Katarina. Dieser konnte diese schreckliche Behandlung zeit seines Lebens nicht verkraften und beendete sein Leben mit 26 Jahren durch Selbstmord. Es war mir, als hätte ich einen Bruder verloren.

Auf die Verhaftung der Bovcar-Familie hin erfolgten bei uns Hausdurchsuchungen, und uns wurde ebenfalls mit der Aussiedlung gedroht. Die stets vorhandene Angst in der Familie hat bei mir unter anderem seelische Störungen und Schlafstörungen hervorgerufen. Ich habe die Erlebnisse bis heute nicht verkraftet.

[1] Kleinbauern.
[2] "Osvobodilna Fronta" - slowenische Befreiungsfront.