Lucian Heichler

Erika oder Ein treues deutsches Mädchen

Lucian Heichler wurde am 1. April 1925 in Wien geboren. Als Jude wurde er 1938 vom weiteren Schulbesuch ausgeschlossen. Im März 1940 konnte Lucian Heichler emigrieren. Heute lebt er in den USA.

Eine wahre Geschichte

Mein Vater war praktischer Arzt. Zu seinen Patienten gehörte eine Frau Meisinger, eine ältere Dame aus guter alter österreichischer Familie, streng katholisch und politisch konservativ. Obwohl sie selbst die Nazis nicht mochte, war ihr Sohn Richard begeistertes Mitglied der vor 1938 noch illegalen Nazipartei Österreichs. Ihre einzige Tochter, Erika, war mit einem Leutnant des österreichischen Heeres verheiratet.

Nach dem "Anschluss" an Deutschland im Jahr 1938 kam die Familie Meisinger weiterhin – solange es eben noch ging – in die Praxis meines Vaters, obwohl den Leuten dauernd eingeschärft wurde, dass sie als "Arier" nicht zum Juden gehen durften. Davon ließen sich die Meisingers aber nicht abhalten, und die Freundschaft zwischen den beiden Familien blieb erhalten.

Die österreichischen Streitkräfte wurden der Deutschen Wehrmacht einverleibt; alle ihre Offiziere mussten den "Ariernachweis" erbringen, wenn sie beim Heer bleiben wollten. Erikas Mann besorgte sich die nötigen Akten und erlitt den Schock seines jungen Lebens: Er konnte keinen Ariernachweis erbringen, weil er Volljude war – auf beiden Seiten seiner Familie! Wie es scheint, waren bereits die Großeltern getauft, und der arme Leutnant hatte keine Ahnung gehabt, dass er selbst der verpönten und verhassten Rasse angehörte. Er erlitt einen Zusammenbruch und wurde trübsinnig.

Seine junge, lustige Frau Erika erwies sich als bedeutend anpassungsfähiger. Blond, groß, schlank und hübsch, sah sie aus wie das Plakatbild des idealen BDM-Mädels [1], und sie fürchtete sich vor nichts und niemandem. Als die Gestapo sie vorlud und ihr riet, sich von dem Juden scheiden zu lassen, warf sie dem Gestapobeamten stolz und spöttisch ins Gesicht […]: "Ich bin doch ein treues deutsches Mädchen; wie können Sie denn von mir verlangen, dass ich meinen Mann im Stich lassen soll?"

Kurz danach verpackte Erika ihr Hab und Gut, nahm ihren hilflos deprimierten Mann und wanderte mit ihm aus, nach Schanghai [2]. Dort ging er allmählich in einer Nervenheilanstalt zugrunde.

Erika aber lernte einen jüdischen Flüchtling aus Berlin kennen, einen flotten, netten Mann, heiratete ihn und zog mit ihm weiter ostwärts um die Welt, bis sie in New York ankamen. Dort fanden sie Anschluss an die deutsch-jüdische Emigrantengemeinschaft in der Gegend von Washington Heights, die von ihren Einwohnern mit feiner Ironie "das vierte Reich" genannt wurde. Und so waren wir Freunde wieder vereint.

Als mein Vater in Jahre 1953 plötzlich starb und ich, der damals schon in Washington wohnte, den Umständen etwas hilflos gegenüberstand, sprangen Erika und ihr Mann ein und kümmerten sich um alles – Begräbnis, Krematorium, Hausverkauf –, als wären auch sie die Kinder meines Vaters und meine älteren Geschwister gewesen. Und in einem gewissen Sinne waren sie das auch.

Drei Nachworte oder auch Fußnoten zur Geschichte der Neuzeit

I.

Richard, der Nazi-Sprössling der Familie Meisinger, wurde bald nach dem "Anschluss" ein "hohes Tier" in der Partei. Das hinderte ihn aber nicht daran, etwa sechs Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen zu meinem Vater ins Sprechzimmer zu kommen, um sich dort laut und lang über die Maßnahmen Berlins auszulassen. Wie andere österreichische Nazis auch, hatte Richard recht naiv erwartet, Hitler würde das neu besetzte Land ziemlich autonom von der österreichischen Nazipartei regieren lassen. Groß war daher die Enttäuschung, als kurz nach dem "Anschluss" […] allmählich Abgesandte aus dem verhassten Preußen alle wichtigen Stellen im Partei- und Staatsapparat besetzten und die österreichischen Nazis unsanft zur Seite schoben. Das hatten die Österreicher nicht gewollt, versicherte Richard meinem Vater.

Schon im zarten Alter von 13 fand ich es äußerst komisch, dass ein Wiener Nazi und leidenschaftlicher Anhänger seines Führers sich bei seinem jüdischen Arzt darüber beschwerte, dass sein Führer ihn nicht so behandelt hat, wie er sich das erwartet hatte.

II.

Winter 1939/40. Krieg. Verdunkelung der Stadt Wien. Knappe Rationen. Juden bekamen nur die Hälfte der Rationen, die "Ariern" zugeteilt waren; außerdem war es ihnen strengstens verboten, frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Wir hatten Hunger, wirklich Hunger.

Damals wohnten wir in einem alten Haus, das in drei große Wohnungen geteilt worden war. Die Besitzerin, Frau Preleitner, war eine sehr alte Dame, eine österreichische Patrizierin, der Hitler und die Nazis ein Gräuel waren. Jedoch musste sie ständig auf der Hut sein vor ihrer eigenen Hausbesorgerin, einer begeisterten Nazi – so richtig das, was Franz Werfel einmal den "wahnsinnig gewordenen Kleinbürger" genannt hat. Nichts hätte dieser Frau mehr Vergnügen bereitet, als Frau Preleitner bei der Gestapo zu denunzieren.

Und so kam es, dass Frau Preleitner eines Abends bis Mitternacht wartete, bevor sie still und vorsichtig die Treppe zu uns hinaufschlich, beladen mit einem schweren Sack voll von Kartoffeln, damit wir etwas zu essen hätten ...

III.

Nach einer Abwesenheit von 24 Jahren – im Jahre 1964 – kehrte ich zum ersten Mal wieder in meine Heimatstadt Wien zurück. Natürlich wollte ich meiner Familie zeigen, wo ich gewohnt hatte, in die Schule gegangen war, usw. Als wir nach Besichtigung meines alten Hauses in Hernals die Jörgerstraße hochgingen, fiel mir plötzlich ein, wo die Meisingers gewohnt hatten, und ich entschloss mich, Frau Meisinger aufzusuchen.

Vier Treppen hoch, und ja, da war noch das auf Hochglanz polierte Messingschild mit dem Namen "Meisinger". Ich klingelte, aber niemand kam. Dann schrieb ich Namen und Nummer unseres Hotels auf meine Visitenkarte und steckte sie in den Briefschlitz. – Früh am nächsten Morgen klingelte das Telefon in unserem Hotelzimmer. Eine alte Dame sagte ganz erregt: "Ich muss Sie unbedingt vor Ihrer Abreise noch sehen! Ich komme sofort zu Ihnen ins Hotel!"

Eine halbe Stunde später erschien eine schon sehr alt gewordene Frau Meisinger bei uns, ein kleines Paket in braunem Papier in Händen. "Ich hatte schon solche Angst, dass ich vor meinem Tode niemanden mehr von der Familie Heichler sehen würde und keine Gelegenheit haben würde, Ihnen die Sachen zurückzugeben, die mir Ihr Vater 1940 zur Aufbewahrung gegeben hat. Aber Sie sind doch noch gekommen, und jetzt kann ich beruhigt sterben ..."

Es war uns 1940 nicht erlaubt gewesen, irgendwelche Wertgegenstände mit ins Ausland zu nehmen – kein Geld über den Betrag von 10,– Reichsmark pro Person, keine medizinischen Instrumente, keinen Schmuck, nicht mehr als 100 Bücher, nicht einmal Kleidungsstücke, die weniger als zwei Jahre alt waren. Als ich das kleine Paket öffnete, lag vor meinen Augen der Schmuck meiner Mutter – kein großer Wert, aber doch viele schöne Stücke, die für sie und mich von gefühlsmäßiger Bedeutung waren. Da lag unter anderem auch die goldene Taschenuhr meines Großvaters, die ich von ihm hätte erben sollen.

Ein Vierteljahrhundert lang hatte Frau Meisinger diese Sachen treu und liebevoll aufbewahrt in der Hoffnung, eines Tages würde ein Mitglied der Familie Heichler zurückkehren und ihr die Last dieser Treuhand wieder abnehmen. Meine Mutter lebte damals noch bei uns in Berlin; als ich dorthin zurückkam und ihr ihre alten Schmuckstücke in den Schoß legte, war sie vollkommen überrascht, denn weder sie noch ich hatten geahnt, dass mein Vater es unternommen hatte, einige Wertsachen auf diese Weise zu retten. Sie hatte angenommen, auch dies wäre längst verloren und untergegangen – wie ihr ganzes früheres Leben.

* * *

Man muss all dies selbst erlebt haben, um urteilen zu können – um urteilen zu dürfen. Jüdische Menschen in Amerika, die das Entsetzen nur vom Hörensagen kennen, glauben, sie müssten alle Deutschen und alles Deutsche hassen und verdammen, selbst die deutsche Sprache, die Sprache von Lessing, Kant, Goethe – und auch die Sprache von Heine, Freud und Schnitzler. Solche Menschen können oder wollen nicht verstehen, warum ich ihren Hass weder teilen kann noch teilen will.

Gewiss, auch ich habe gehasst, sogar mit großer Leidenschaft – die Lügner, die Hetzer, die Schläger, die Mörder meiner Verwandten, die Vernichter unserer ehemaligen Existenz. Aber ein ganzes Volk hassen? – Wie könnte ich das, selbst wenn ich es wollte, wenn ich an Menschen denke wie Frau Meisinger und ihre Tochter Erika, an Frau Preleitner und die vielen anderen unbekannten Helden des "Dritten Reichs"?

Auszüge aus der Lebensgeschichte von Lucian Heichler wurden anlässlich des Gedenkjahres 2018 zum Gedenken an den 80. Jahrestag des Einmarschs deutscher Truppen in Österreich von MitarbeiterInnen des Nationalfonds und des Allgemeinen Entschädigungsfonds gelesen: "Erlesene" Erinnerungen von ZeitzeugInnen zum Jahr 1938.

[1] Bund Deutscher Mädchen: der zur Hitlerjugend gehörende NS-Mädchenverband.
[2] Nach der katastrophalen Konferenz von Evian im Frühling 1938, die Präsident Roosevelt einberufen hatte, um den Juden Deutschlands und Österreichs die Flucht vor ihrer Verderbnis zu erleichtern, und die das genaue Gegenteil erzielte, gab es nur noch zwei Plätze auf der ganzen Welt, wo man ohne langes Warten und große Schwierigkeiten einwandern dufte – Trinidad und Schanghai unter japanischer Besetzung. Einer meiner Onkel ging 1939 mit seiner Familie nach Schanghai und kehrte 1946 nach Wien zurück. Ich selbst habe das chinesische Einreisevisum in meinem alten deutschen Pass, aber meine Eltern und ich haben nie davon Gebrauch gemacht.